Newsletter Juni

Liebe Freund*innen,

In diesen Tagen wird der Frühling zum Sommer und wir senden euch erneut Neuigkeiten und die liebsten Grüße aus JINWAR.

Ende Mai hat in JINWAR ein einwöchiges Jineoloji Camp stattgefunden. Mehr als 30 junge Frauen aus verschiedenen Städten und Dörfern des Kantons Cizire sind nach JINWAR gekommen um an dem Camp teilzunehmen. Es war eine intensive und wunderschöne Zeit. Wir alle waren sehr beschäftigt mit den Vorbereitungen und vier Frauen aus dem JINWAR Komitee haben an dem Camp teilgenommen. Die jungen Frauen organisierten Bildungen in verschiedenen Themen der Jineoloji: Frauengeschicht, Ethik und Ästhetik, Freie Partnerschaft, Wissen über den Körper und Anatomy und viele mehr. Zudem gab es viele praktische Workshops und gemeinsame Aktivitäten: Selbstverteidigungstraining (Taekwando und WingChun), Kerpîç-Lehmziegeln machen für JINWAR, Malen, Auto und Motorrad fahren lernen, Gartenarbeit, Besuch historischer Orte, Reiten, Musik machen und Theater spielen, Tanzen, Volleyball und vieles mehr. Für das Camp hatten wir drei Häuser vorbereitet, die zum ersten mal von den jungen Frauen bezogen werden konnten. Es war sehr besonders, Abends gemeinsam auf dem Dach der Kollektiv-Küche zu sitzen, die Lichter anzusehen und den Stimmen im Haus zu lauschen. Zum erstenmal war JINWAR nicht nur tagsüber, sondern auch nachts belebt. Alle Frauen brachten Leben und Kreativität ins Dorf. Es ist wundervoll zu sehen wie JINWAR mit jeder Frau wächst, die ihre Zeit hier verbringt und ihre Energie in das Dorf steckt.

In den letzten Tagen (wie ihr vielleicht auf der kurdischen oder englischen facebook Seite gesehen habt) haben wir unsere Zeit damit verbracht, zusammen mit Frauen aus der Nachbarschaft “Hermel” zu machen. Hermel ist ein Heilkraut. Es wächst in großen Mengen auf vielen Hügeln in ganz Rojava und die Zeit die Samenkapseln zu ernten ist gekommen. Hermel wird seit langer Zeit in vielen Regionen des Mittleren Osten als medizinische Pflanze benutzt, in alten Häusern wurden daraus auch Kunstwerke gemacht. Frauen benutzten die Samenkapsel der Pflanzen um daraus Kunstwerke zu machen, diese hängen an den Wänden, oft auch über der Tür. Es wird gesagt, dass Hermel die Häuser vor dem Bösen Auge beschützt, es bringt Glück und Fruchtbarkeit. In vielen Fällen wurden auch Kalender aus Hermel gemacht: für jede Mondphase ein Strang mit Samenkapseln, für jeden Tag im Monat eine Samenkapsel. Die Hermel Pflanze wurde auch rund ums Haus verbrannt, für Gesundheit, Schutz und um Insekten fern zu halten.

In den letzten Monaten ist der Aufbauprozess von JINWAR weiter fortgeschritten, aber es gibt noch immer viel Arbeit. Im März haben wir wieder mit den Kerpîç-Arbeiten zu beginnen. Wie letztes Jahr stellen wir die Ziegel für die Häuser aus einer Mischung aus Erde, Stroh und Wasser, ökologisch her. Neun Häuser müssen noch gebaut werden, ebenso die Schule, die Akademie und das kleine Gesundheitszentrum. Im Moment arbeiten wir an vier Häusern und der Akademie. Die Akademie hat eine runde Form, es wird zwei Etagen, einen großen Raum für Bildungen und Versammlungen und eine Bibliothek geben. Sie wird Raum sein für den Austausch von Wissen in Themen der Jineoloji und somit eine wichtige Säule von JINWAR sein. Es wird Bildungen zu Ökologie, Geschichte, Ökonomie, Geschlechterverhältnissen in der Gesellschaft geben. Außerdem praktische Seminare zu Gartenbau, nachhaltige Tierhaltung, Lesen und Schreiben, Medizin und vielem mehr. Es gibt auch den Vorschlag Seminare für Männer mit dem Thema der Frauenbefreiung und ihrer Rolle in dieser, zu organisieren.

Im Obstgarten, zwischen den Aprikosenbäumen wurde die Basis des Natur-Gesundheits-Centers fertiggestellt. Es wird in den kommenden Monaten gebaut werden. Neben dem Eingangstor ins Dorf, haben wir ein kleines rundes Haus gebaut. Es wird ein Lagerplatz und ein kleiner Shop für frisches und trockenes Gemüse, Joghurt und andere Produkte aus dem Dorf, werden. Die Kultur von runden Häusern gibt es hauptsächlich rund um Kobanê, dort sind sie seit langer Zeit Teil der regionalen Kerpiç Tradition. Das kleine runde Haus zu bauen war ein erstes Experiment, nun wollen wir in den kommenden Monaten die Schule auch mit runden Häusern als Klassenräume bauen. Neben der Akademie haben wir ein großes Wasserbecken zum Schwimmen und zur Bewässerung des Gartens gebaut.

Zudem arbeiten wir neben den Feldern an einem Ort für Schafe und Ziegen.

Das Kanalsystem ist nun grundlegend fertiggestellt und die Rohre können nun mit den einzelnen Häusern verbunden werden.

Endlich haben wir auch einen zweiten Brunnen gegraben. Wasser war immer ein Problem im Dorf, aber nun weden wir hoffentlich genug Wasser für alle Häuser und den Garten haben.

Die Pflanzen im Garten wachsen gut – trotz dem unüblichen Wetter. Es gab wenig Regen im Winter und Anfang des Frühlings. Dann im Mai gab es starke Regenfälle, was für unsere Region sehr ungewöhnlich ist. Weizen und Linsen von vielen Farmern sind durch den späten Regen zerstört worden, glücklicherweise konnten sich die meisten Pflanzen erholen und können in den nächsten Tagen geerntet werden. In der Zwischenzeit haben wir die Gerste geerntet, die wir im Winter gesät hatten. Die Setzlinge, die wir im Frühling in einem kleinen Gewächshaus gezogen hatten, sind gewachsen und wir haben sie nun alle im Garten eingepflanzt. Nun gibt es im Garten: Auberginen, Paprika, Tomaten, Bohnen, Wassermelonen, Melonen, Gurken, Zwiebeln, Knoblauch und diverses anderes Gemüse. Für die Bewässerung des Gartens haben wir ein Kanalsystem gegraben. In den nächsten Tagen können wir dann Knoblauch, Zucchini, Gurken und grüne Bohnen ernten. Die gemeinsame Arbeit im Garten ist nun Teil unseres Alltags. Das frische zusammen zu essen und sie mit Gästen und Nachbar*innen zu teilen ist wundervoll und ein Schritt hin zur Selbstversorgung, die wir in und um JINWAR anstreben. Ein anderer Pfeiler kommunaler Ökonomie ist Brot. In JINWAR gibt es nun eine Bäckerei und einen Tenur Ofen (Rundofen aus Lehm). Die Idee ist nicht nut alles Brot für JINWAR selbst zu backen, sondern auch für die umliegenden Dörfer. Auch wenn in der Nachbarschaft geteilte Tenuröfen noch immer Teil der traditionellen kommunalen Ökonomie ist, haben viele Menschen aufgehört ihr Brot selbst zu backen und angefangen es in Brotfabriken in den Städten zu kaufen. Viele Drofbewohner*innen sind glücklich über die Bäckerei in JINWAR.

Für alle Arbeiten kommen täglich viele Familien und Gruppen von Frauen und Männern um mitzuhelfen. Die meisten kommen von nahegelegenen Dörfern, andere kommen von weiter weg, manche sind vor Jahren aus Raqqa oder Shedade geflohen. Wir sind Nachbarn und Freunde geworden und neben den Arbeiten in JINWAR besuchen und unterstützen wir uns im Alltag. In den letzten Wochen hatten wir sehr viel Besuch, nicht nur aus der Region, sondern auch von außerhalb kamen diverse Gruppen, Aktivisti*innen, Delegationen und Jounalist*innen. Wir sind dankbar für all die Unterstützung und den Austausch. Wir hoffen all diese neuen Verbindungen in nächster Zeit noch zu vertiefen und wir sind sicher, dass wir gemeinsam etwas aufbauen werden.

Nachdem nun die grundlegende Infrastruktur fast fertiggestellt ist, werden wir Frauen, die sicher in JINWAR leben wollen, nach und nach einziehen. In den nächsten Wochen wird es viele Treffen mit Frauen geben, die interessiert sind ein kommunales Leben mit anderen Frauen und Kindern zu führen, Teil einer kommunalen Ökonomie zu sein und sich im Garten, beim Bau der Akademie, der Schule und dem Gesundheitszentrum zu beteiligen oder andere Ideen einbringen wollen. Es wird eine sehr aufregende Zeit!

Aktuelle Bilder könnt ihr auf der kurdischen und englischen facebook Seite von JINWAR oder der Homepage finden.

Sprecht über JINWAR, unterstützt uns und das Dorf, sendet uns Fragen, Ideen und Kritik!

Wir wünschen euch nur das Beste,

das JINWAR Komitee