Newsletter Oktober

Liebe Freund*innen,

wir hoffen, dass es euch allen gut geht und schicken euch liebste Grüße aus Jinwar.

Nach einem langen und heißen Sommer und großen Fortschritten im Bauprozess von Jinwar, wird es langsam kälter und der Regen wird bald kommen. Wir freuen uns über die Arbeit, die getan wurde und bedanken uns bei allen, die mit ihren Händen und Ideen Teil der ersten Bausaison waren. Die Arbeit mit den Lehmziegeln “Kerpic” pausiert nun bis zum nächsten Frühling und wir sind sehr beschäftigt mit den Wintervorbereitungen. Die Freund*innen, die mit uns den ganzen Sommer die “Kerpic” gemacht haben, sind nun gegangen, wir sind weniger Menschen im Dorf und es ist ein bisschen ruhiger geworden.

Vor ein paar Tagen hatten wir unser großes Jinwar Treffen. Wir haben uns zusammen mit allen Frauen, die Teil des Komitees sind, getroffen. Wir haben auf die Monate, die vergangen sind zurückgeschaut, die Arbeiten diskutiert und Pläne für den Winter geschmiedet. 21 Häuser wurden bis jetzt gebaut, die Dächer sind fertig. Gegen den starken Regen, der kommen wird, haben wir sie mit Planen abgedeckt.

Trotz Wasserknappheit war auch die erste Gartensaison sehr erfolgreich. Wir konnten viele Früchte und Gemüse ernten. Wir haben mit viel Freude zusammen gekocht und das Gemüse aus unserem gemeinsamen Garten gegessen. Jetzt bereiten wir den Garten für die nächste Saison vor.

Viele Menschen haben uns besucht und verschiedene Gruppen kamen fast jeden Tag vorbei. Wir haben ihnen das Dorf gezeigt, haben zusammen gearbeitet, diskutiert und getanzt. Wir haben viele Vorschläge für den Aufbau des Dorfes gesammelt. Für einige Gruppen haben wir Jineolojî Seminare organisiert und haben viel über die Notwendigkeit und Grundlage des Dorfes diskutiert, darüber wie wir uns freie Frauen in einer freien Gesellschaft vorstellen und über die Schritte, die wir dafür alle in unserem eigenen Leben machen.

Nachdem jetzt die Herbsttage begonnen haben, werden wir mehr in den Häusern arbeiten. Wir wollen Fenster und Türen aus Holz bauen, die Böden werden gemacht, Wasser- und Stromleitungen werden gelegt. Damit die Häuser innen heller sind und für den Schutz der Wände haben wir die ersten drei Häuser innen weiß gestrichen. Wir haben angefangen kleine Terrassen vor den Häusern zu bauen und sammeln Steine um kleine Mosaike, die Shahmaran, eine mythologische Frauenfigur zeigen, zu gestalten. Vielleicht kennt ihr sie aus der kurdischen und mittelöstlichen Mythologie. Bevor die 21 Häuser bezogen werden können, haben wir den Winter über eine Menge an Arbeiten zu tun, damit die ersten Frauen im Frühling ein gemeinsames Leben in Jinwar beginnen können.

Aktuelle Fotos, Infos und Videos findet ihr auf unserer facebook Seite:  https://www.facebook.com/jinwarwomensvillage

Weitere Infos, Artikel und vieles mehr findet ihr auch auf unserer Homepage: https://www.jinwar.org

Bei Fragen, Anregungen und Ideen könnt ihr euch gerne direkt an uns wenden: jinwar@riseup.net

Zudem würden wir euch gerne noch ein paar Fragen stellen und euch über weitere Dinge informieren:

Wir haben ein Projekt für nächstes Jahr: Wie ihr wisst soll Jinwar ein ökologisches Dorf sein, dazu gehört auch, dass wir gerne erneuerbare und alternative Energie nutzen wollen. Da es hier fast das ganze Jahr über sonnig ist, wollen wir gerne zunächst diese natürliche Ressource nutzen und Jinwar mit Solarenergie versorgen. Dafür schauen wir nach Menschen, die sich mit Sonnen- und Solarenergie auskennen. Sowohl die Methoden zur Energiegewinnung, als auch die Beschaffung und Instalierung der Solarpanels, sind für uns wichtig.

Hast du selbst Wissen oder kennst Menschen, die zudem Lust haben Jinwar praktisch und vor Ort zu unterstützen?

Wir sind auch sehr interessiert an Wissen und Ideen zum Thema Recycling. Welche nützlichen Sachen können wir aus Müll und alten Materialien herstellen? Hast du Tipps und Erfahrungen, die du mit uns teilen kannst? Wir haben hier sehr viel Raum uns auszuprobieren.

Wir senden Grüße an euch alle und freuen uns von euch, euren Ideen und Diskussionen zu hören!

Silav u rêz,

das Jinwar Komitee – Dorf der freien Frauen Rojava und Nordsyrien

Newsletter September 2017

„Wenn wir als Frauen zusammenkommen, die Grundlage für unser gemeinsames Leben aufbauen und uns gegenseitig verteidigen, wird Freiheit entstehen und mit dieser Freiheit wird Schönheit entstehen.“

Cihan, Mitglied des Jinwar Komitees

Die Idee für die Gründung eines Frauendorfes in Rojava ist bereits vor Jahren gereift und ist aus der langen und gleichfalls versteckten Geschichte von frauen-zentrierten Gesellschaften, Orten und Utopien hervorgegangen, ebenso ermutigt durch Abdullah Öcalan, der besonders den Wunsch zum Ausdruck brachte, dass Frauen ihre eigenen Städte schaffen. Für uns bedeutet der Bau unseres eigenen Dorfes nicht nur das gemeinsame Leben sondern vor allem die Entwicklung einer anderen Art zu leben, zu arbeiten und des miteinander Handelns. Wenn wir auf die Geschichte zurückblicken finden wir Spuren von dieser Weise zu leben: Zu der Zeit als die Logik des Staates und des Kapitalismus noch nicht die Gesellschaft und das Leben aller geprägt hat, formten die Frauen das Zentrum der Gesellschaft. Das Leben war kollektiv, kommunal und ökologisch. Jetzt in der Kapitalistischen Moderne stehen wir einem System von patriarchaler Dominanz gegenüber, welches die Gesellschaft ihrer Grundlagen und Frauen ihrer Energie und Schaffenskraft beraubt.

Die Geschichte, die Idee von Abdullah Öcalan und der Wille vieler Frauen gemeinsam ein kommunales und ökologisches Leben zu schaffen führte uns zum Aufbau von JINWAR, dem ersten Frauendorf im Mittleren Osten.

Mit dem Aufbau des Dorfes möchten wir die destruktive Logik des Krieges, der derzeit den Mittleren Osten prägt, herausfordern und wollen ein Beispiel dafür schaffen, dass ein anderes Leben möglich ist. Wir hoffen, dass JINWAR für Frauen überall auf der Welt eine Inspiration sein wird, eine Basis für ein solidarisches Leben aufzubauen und diese Lebensweise gemeinsam zu verteidigen.

Zur Koordination des Aufbauprozesses des Dorfes haben wir ein Komitee gegründet. Wir sind Frauen verschiedenen Alters und verschiedenen Hintergrundes, wir haben unterschiedliches Wissen und unterschiedliche Perspektiven. Wir diskutieren auf kurdisch, arabisch, türkisch und englisch unsere Ideen und über die Perspektiven von JINWAR. Aufgrund dieser Verschiedenheit ist JINWAR von Anfang an in einer Farbenvielfalt gebaut worden. Nach einer Phase von Planung und Diskussion unter den Frauen in ganz Rojava, haben wir vor sieben Monaten mit dem Bau von JINWAR begonnen. Wir haben uns entschlossen unsere Häuser in der Art zu bauen, wie die Menschen dieser Region dies seit sehr langer Zeit tun. Für diese traditionelle und nachhaltige Art zu bauen ist es wichtig, dass das Wetter warm und trocken ist. Für die Ziegel – kerpîç – nutzen wir eine Mixtur aus Erde, Wasser und Stroh. Nachdem die Masse in eine Form aus Holz gefüllt wurde, müssen diese ein paar Tage zu Ziegeln trocknen, bis man die ersten Mauern mit ihnen bauen kann. Bis jetzt – Anfang September 2017 – haben wir das Fundament von 21 Häusern gebaut und planen die Fertigstellung von Dächern und Putz bis zur Regenzeit im Herbst. Wenn es anfängt zu regnen, müssen wir die Arbeit mit Kerpic einstellen, deswegen haben wir in diesen Tagen viel Bauarbeit zu tun. Neben den Bauarbeiten von 30 Häusern arbeiten wir an einem großen gemeinsamen Garten, wir planen den Bau einer Jineolojî Akademie, einer Schule für die Kinder, ein Haus für die Gesundheit mit dem Fokus auf natürlicher und traditioneller Medizin sowie viel öffentlicher Raum, in dem wir zusammen kommen können.

Unsere Arbeit im Dorf ist vielfältig. Einige machen die Bauarbeiten, andere bereiten das Essen vor, kümmern sich um den Garten, koordinieren die Gruppen, die zur Unterstützung oder zur Dokumentation des Bauprozesses kommen. Fast jeden Tag kommen Menschen, um das Dorf zu besichtigen und den Fortschritt der Arbeiten zu unterstützen. Die Familien der nahe gelegenen Dörfer kommen vorbei, wir trinken Tee und sprechen über deren Situation, über das, was in den Dörfern passiert und über die Ideen für unser Frauendorf. Vor kurzem haben wir ein Seminar zu Ökologie für eine Gruppe von Lehrerinnen organisiert und sie haben uns anschließend bei der praktischen Arbeit geholfen. An einem anderen Tag kam eine Gruppe von Schriftstellerinnen zu Besuch, sie versprachen uns über JINWAR Gedichte, Geschichten und Artikel zu schreiben. Wir freuen uns schon auf ihre Texte. Ende August haben wir eine kleine Feier organisiert und die Nachbarn aus den umliegenden Dörfern und Menschen von zahlreichen Organisationen und Initiativen aus dem Kanton Cizire eingeladen. Neben diesen speziellen Ereignissen gibt es eine Vielzahl von alltäglichen Herausforderungen: An einem Tag müssen wir mehr Stroh oder Holz organisieren, an einem anderen gibt es einen Konflikt zwischen zwei Menschen, den es zu klären gilt, an einem weiteren ist die Wasserpumpe kaputt. Einmal die Woche kommen wir zusammen, um über unser Leben und unsere Arbeit zu sprechen, wir machen Vorschläge und kritisieren uns gegenseitig. Wir versuchen zu verstehen, was falsch läuft und wie wir uns gegenseitig unterstützen können. Und natürlich leben wir jeden Tag miteinander, wir essen gemeinsam, wir kümmern uns gemeinsam um den Ort, wir diskutieren und lernen gemeinsam, jeden Tag stellen wir uns unseren Aufgaben und finden Lösungen miteinander.

Die Arbeit ist oft voller Herausforderungen, aber es ist eine schöne Arbeit und jeden Tag gewinnen wir durch das Wachsen des Dorfes mehr Selbstvertrauen.

Mittels dieses Rundschreibens werden wir euch regelmäßig über den Bauprozess informieren sowie einige unserer Gedanken und Diskussionen mit euch teilen.

Wenn ihr etwas mit uns teilen möchtet, ihr Fragen oder Vorschläge habt oder etwas diskutieren möchtet, schickt uns einfach eine Mail an: jinwar@riseup.net (Europe – Englisch, Deutsch,…), womensvillage.jinwar@gmail.com (Rojava– Kurdisch, Arabisch, …) oder besucht unsere Internetseite: www.jinwar.org und unsere Facebookseite: https://www.facebook.com/jinwarwomensvillage (Englisch), https://www.facebook.com/Gundê-Jinwar-1043789715756805/ (Kurdisch).

Wenn ihr JINWAR besuchen oder den Bauprozess unterstützen möchtet schreibt uns und wir werden gemeinsam einen Weg finden.